Liebe Leser*innen,
nach meinem kleinen Abenteuer an Silvester lasse ich es am nächsten Tag wieder ruhiger angehen. Ich frühstücke in Ruhe und quatsche eine Zeit lang mit Thembi, einer jungen Frau, die in meinem Zimmer wohnt. Sie hat zuvor in Johannesburg gelebt und ist jetzt hier auf der Suche nach einem Job, damit sie sich dann in Kapstadt eine Wohnung suchen kann. Auch sie warnt mich, wie viele andere schon, vor Johannesburg. Die Kriminalität dort ist heftig. Einbrüche, Überfälle, Diebstähle sind an der Tagesordnung, sogar Schüsse waren dort, wo sie gelebt hatte, nichts ungewöhnliches. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Wenn ich das von Einheimischen so höre, dann will ich dort gar nicht unbedingt vorbeikommen. Und es ist meine eiserne Regel, auf den Rat der Einheimischen zu hören. Trotzdem kommt es mir manchmal so vor, als könnte es gar nicht so schlimm sein, wie die Leute es hier sagen. Nun war ich schon in vielen Ländern, wo es Probleme mit Kriminalität gab, aber nirgendwo scheint es präsenter gewesen zu sein, als hier. Und vor allem sind die meisten ziemlich entspannt, während sie ihre Geschichten erzählen, wie sie auf offener Straße mit Messern bedroht oder ihr Auto zerstört und geklaut wurde. Das passt in meinem Kopf einfach nicht zusammen. Aber ich bin noch am Anfang. Am Ende verstehe ich es besser.
Um heute noch ein bisschen aus dem Haus zu kommen, fahre ich am frühen Nachmittag mit einem Uber in das Viertel Bo-Kaap, direkt unterhalb vom Signal Hill, wo ich gestern Nacht das Feuerwerk beobachtet hatte. Das Viertel ist bekannt für seine kleinen bunten Häuser, was die multi-kulturelle Herkunft ihrer Bewohner spiegelt. Auch hier hat man mich gewarnt, mich vor Kleinkriminalität in Acht zu nehmen. Als ich dort bin, finde ich jedoch noch nur eine recht ruhige Gegend vor, hier und da sehe ich eine Touristentruppe. Ich spaziere ein bisschen durch die Straßen.











Auf der Karte sehe ich, dass ich nicht weit von der Küste und einer weitläufigen Parkanlage entfernt bin. Also spaziere ich gleich weiter, was sich ihm Nachhinein schon als eine sehr lange Strecke zu Fuß und in der knallenden Sonne herausstellt. Aber der Park (Green Point) ist wirklich schön angelegt und viele Familien sitzen in Feiertagslaune bei einem Picknick unter dem Schatten der Bäume. Ein Ort für Entspannung.







Auch ich setze mich eine Weile hin und schaue den Enten zu. Dann spaziere ich weiter zur Küste und laufe die Promenade entlang. Dabei schlinge ich mir meinen Schal über Kopf und Schultern, weil die Sonne echt stark ist.




Die Promenade führt bis zur Victoria & Alfred Waterfront, die auf meiner Karte groß als Sehenswürdigkeit eingezeichnet ist. Doch als ich dort ankomme, sehe ich, dass es sich dabei um ein großes Shoppingcenter handelt. Drum herum steht ein repräsentatives Riesenrad, im Hafen davor stehen einige teuer aussehende Boote.










Ich gehe nur hinein, um kurz die angenehme Kühle der Klimaanlage auszunutzen. Drin herrscht ein reges Treiben von shoppenden Menschen, die alle zur etablierten Klasse der Stadt gehören, hübsch herausgeputzt sind und mit Shoppingtaschen von teuren Marken in den Händen unterwegs sind. Ich fühle mich wie in einem deutschen Einkaufszentrum… oder einem amerikanischen. Aber theoretisch… hautfarbentechnisch, gehöre ich zu ihnen. Es ist komisch, wie sehr mich dieses Thema hier beschäftigt, ich habe das Gefühl, es liegt einfach in der Luft und ich müsste mich dementsprechend gruppieren… auch wenn mein Leben damit gar nichts zu tun hat. Ich will das seltsame Gefühl hinter mir lassen und gehe nach draußen. Dort, vor einem McDonalds steht die dunkelhäutige Bevölkerung Schlange, Familien mit Kindern lassen sich das „Sonntagsessen“ schmecken. Wieder spüre ich eine unsichtbare Barriere.
Aber ich werde noch feststellen, dass ein freundliches Lächeln und eine nette Geste trotz aller gesellschaftlichen Grenzen ziemlich mächtig sein können.
Die Victoria Waterfront ist der Punkt, den man als Zentrum von Kapstadt benennen könnte, davon ausgehen die verschiedenen Viertel, die jeweils ihre eigenen kleinen Zentren haben. Insgesamt ist alles sehr europäisch, amerikanisch. Nahe der Waterfront befinden sich unzählige Cafés, Bars und kleine Boutiquen im sauberen, modernen Stil, häufig brennt ein hochmoderner Grill, um den Touristen stets das so beliebte Braai (Grillen/Barbecue) zu bieten und hochqualitative Rindersteaks zu braten. Hier wirkt es auch, als wäre die Welt in Ordnung. Auch, als wäre das Apartheid Problem längst Geschichte, weil sich in dieser Zone nur „die Reichen“ aufhalten. Nur an kleinen Ecken sieht man mal ein heruntergekommenes Geschäft oder ein paar ärmere Häuser.
Klar, denn das war ja das Ziel von Apartheid: Getrennt sein. Hier hält sich nach wie vor nur der etablierte Teil der Gesellschaft auf. Wer Südafrikas Armut sehen will, der kann eine Tour in einem der Slum-Viertel buchen, die die großen Städte hier umgeben. Dort wurden die Eingeborenen „ausgelagert“, um unter „ihresgleichen“ zu leben und daran hat sich bis heute wenig geändert. In Brasilien sagt man Favela, in anderen Ländern sagt man Slums, hier nennt man es „Township“: Die Armenviertel. Alleine sollte dort kein Tourist hingehen. Es gibt Touren, Führungen, die man buchen kann, um als Gruppe die Townships zu besuchen und zu erkunden. Das mache ich allerdings nicht, weil es für mich diesen Beigeschmack einer Zooführung hat und das Gefühl von Apartheid nur unterstützt à la „Schau mal, die da“. Ein Touristenführer, der einer Gruppe weißer Menschen das Leben der Armen zeigt? Ich fände es nicht so schön, wenn ich auf der anderen Seite dieses Touristenführers wäre. Aber ich denke, für die Leute im Township ist es teils auch eine Win-Win-Situation. Auf diesen Touren verschwinden nämlich regelmäßig Handys, Uhren und Geldbeutel. Ich würde meine gern behalten und verzichte auf die Erfahrung.
Am frühen Abend bin ich zurück im Hostel und Thembi lädt mich ein, gemeinsam mit ihr und einer anderen Hostel-Bewohnerin in der Stadt essen zu gehen. Da sage ich gerne zu und ein paar Stunden später ziehen wir drei los. Der Mojo-Market ist eine bekannte Adresse in Kapstadt für ein multi-kulturelles Food-Erlebnis. Es ist eine große Halle mit vielen kleinen Ständen, ein Food-Court wie auch am Flughafen, nur mit deutlich besserer Stimmung. Bald darauf stelle ich ein Problem fest: Man kann hier nur mit Karte bezahlen… und ich habe meine aus Sicherheitsgründen zuhause gelassen und nur ein bisschen Bargeld dabei. Mist! Gut, dass wir zu dritt sind, das dritte Mädel streckt mir das Essen vor und ich kann ihr nachher das Geld zurückgeben. Ich kann mich jedoch drinnen schlecht entscheiden und finde schließlich draußen an einem Burgerstand mein Glück. Draußen ist der Broken Beach, sozusagen die Erweiterung des Mojo-Markets unter freiem Himmel. Während die anderen beiden drinnen sind, warte ich draußen auf mein Essen. Später findet mich Thembi und erzählt, dass die dritte schon nach Hause ist, es ging ihr wohl nicht gut. Ich bin überrascht, aber okay, das mit dem Geld haben wir im Nachhinein alles regeln können. Also essen Thembi und ich draußen, unterhalten uns wunderbar und genießen die frische Luft. Später sehen wir drinnen noch einem Karaoke-Abend zu, bei dem richtig Stimmung ist. Ein Typ singt „Shape of You“ von Ed Sheeran dermaßen gut, dass das Publikum aufspringt zum Applaus. Wir bleiben bis zum Schluss, etwa bis Mitternacht, als die Karaokebetreiber zum Abschluss Shakiras „Waka Waka – Cause this is Africa“ singen und die Bude brennt. Klar, das Lied wurde für dieses Land geschrieben! Danach haben auch Thembi und ich genug und wir treten den Heimweg an.
Während wir auf unseren Uber warten, sehen wir einen Anblick, den wir beide seltsam finden. Ein arabischer Mann steigt aus einem teuer aussehenden Auto und drei komplett vermummte Frauen folgen ihm, womöglich in ein Hotel. Natürlich wissen wir nicht die genaue Situation dieser Konstellation, aber wir kommen auf das Thema Poligamie zu sprechen. Das ist hier nicht unüblich. Unser Uber kommt und wir unterhalten uns im Auto weiter, als der Fahrer das Thema aufschnappt. Er schaltet sich dazu und ist (natürlich) überhaupt nicht unserer Meinung, dass das ein ganz schön ungleiches Verhältnis ist. Er hätte zum Beispiel gerne eine zweite Frau, weil seine jetzige nicht mehr Kinder haben möchte. Er hätte aber gerne fünf. Thembi spricht weiter mit ihm, sogar relativ nett, und sie wechseln dann auch das Thema. Ich, die sowieso hinten sitzt, schweige den Rest der Fahrt und denke mir meinen Teil. Vor allem, wie man als Uber-Fahrer eine Familie mit fünf Kindern ernähren möchte, einschließlich zwei Ehefrauen, darüber hat er wahrscheinlich noch nie nachgedacht. Ihm geht es einfach darum, seine Lebensvorstellung umgesetzt zu bekommen, egal was in seiner Partnerin vorgeht… wen interessiert das schon? In dieser Hinsicht prallen wirklich Welten aufeinander. Deshalb sage ich einfach nichts dazu.
Später im Hostel unterhalte ich mich nochmal mit Thembi und sie lacht ebenfalls über die Vorstellungen des jungen Mannes (er war so Anfang zwanzig). Männer eben! Die denken hier oft noch sehr patriarchal und es kommt nicht selten vor, dass man in einer guten Beziehung ist und der Typ plötzlich mit einer zweiten Frau vor der Tür steht, als wäre nichts passiert. Genau diese Geschichte erzählt mir nämlich zwei Tage später eine Uber-Fahrerin, woraufhin sie sich getrennt und ihren gemeinsamen Sohn mitgenommen hat.
Mir reicht es jedenfalls für heute damit und wir legen uns schlafen.
Für den nächsten Tag habe ich mir nämlich einen großen Ausflug vorgenommen.
Liebste Grüße,
Eure Jana
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