Hallo meine liebsten Leser*innen,

Zwei Stunden später lande ich in Bogota. Lily verpasse ich leider, sie muss kein Gepäck abholen und natürlich auch bei der Einwanderung nicht lange warten. Auch bei mir dauert es nicht allzu lang, kein Problem. Am Flughafen tausche ich die peruanischen Sol, die ich noch versteckt in einer Tasche gefunden habe, um ein paar kolumbianische Pesos zu kriegen, meine Rest-Dollar behalte ich vorerst. Dann fahre ich mit einem Uber zu meinem Hostel, denen ich schon angekündigt hatte, dass es spät wird. Das ist gar kein Problem, ich checke ein… und lege ich mich in das wundervolle Bett meines Privatzimmers, das ich mir aufgrund des günstigen Preises und des langen Tages gegönnt habe. Oh, welch Luxus! Das wird eine sehr erholsame Nacht. Nur das Aufstehen fällt leider echt schwer.

Trotzdem raffe ich mich auch. Ich habe nur den einen Tag in der kolumbianischen Hauptstadt und ich werde sie nicht zum Schlafen nutzen!

Ich verlasse das Hostel und spaziere durch das umliegende Viertel Chapinero, das mir Lily empfohlen hat. Natürlich bin ich zur völlig falschen Zeit unterwegs, Sonntag früh, da ist kaum was los. Ich ergattere trotzdem einen Handychip und schnappe mir beim Bäcker ein paar Croissants, sowie eine heiße Schokolade.

Das Viertel ist wirklich schön… und vor allem bunt. An jeder Straßenecke finde ich tolles Graffiti, das echt kreativ und bunt ist, total beeindruckend!

Ich spaziere durch die Straßen und dann wieder zurück zum Hostel, wo ich auschecken muss, lasse die Sachen aber dort. Dann fahre ich zum Terminal, um nach einer Weiterverbindung zu fragen, die ich gleich kaufe. Dasselbe Taxi bringt mich  auch weiter in die Altstadt, wo meine Free Walking Tour beginnt, gerade pünktlich.

Die Entdeckung von Bogotá war das Resultat einer Legende, die die Spanier gehört hatten: Eine Stadt aus purem Gold: El Dorado. Da kann keine spanische Nase widerstehen und so machten sie sich auf, tief in den kolumbianischen Dschungel. Was sie fanden war allerdings eine ganz normale indigene Bevölkerung… waren sie am falschen Ort?

Nein, das Missverständnis war anderer Art. El Dorado bezog sich nicht auf eine Stadt, sondern auf ein Ritual: die Krönung des neuen Häuptlings und das Einläuten einer neuen Regierungszeit. Dafür wurde ein Floß gebaut, vollgeladen mit Gold und Edelsteinen, darauf wurde der neue Anführer (ebenfalls mit Gold überhäuft) in die Mitte eines großen Sees gefahren, ganz in der Nähe der heutigen Stadt Bogotá. Dort wurde der neue Häuptling bejubelt und als Opfergabe an die Götter für eine erfolgreiche neue Regierung… wurde alles Gold in den See geworfen.

Man bedenke den Gesichtsausdruck der Spanier, als sie das gesehen haben. Das ganze Gold auf dem Grund eines Sees. Das müssen Irre sein, Wilde, die muss man bekehren.

Was die Spanier damals – und wir heute – nur schwer verstehen: Gold hatte für keine indigene Gruppe auf dem südamerikanischen Kontinent eine monetäre Bedeutung. Gold war die Essenz und das Geschenk eines ihrer höchsten Götter: Der Sonne. Sie verzierten ihre Tempel als Ehrerbietung damit, sie schmückten ihre Anführer damit als Zeichen, dass auch er ein Gott ist und sie gaben es als Opfergabe wieder zurück an Mutter Erde.

Ich frage, wie die Spanier das Gold aus dem See geholt haben. Unser Guide grinst. Zuerst hat man es tatsächlich mit Wassereimern versucht. Klingt wie ein schlechter Witz, ist aber keiner. Erst nach Monaten der Arbeit wurde das sinnlose Projekt aufgegeben. Letztendlich hat man ein Loch in den Berg gebohrt, wo das Wasser ablaufen konnte… und die Spanier saßen vor dem Jackpot.

In dem Goldmuseum, vor dem unsere Tour beginnt sind heute etwa 35.000 Stücke zu sehen, die aus diesem See geborgen wurden… das entspricht etwa einem Prozent von dem, was wirklich auf dem Grund gefunden wurde… der Rest ging an die Spanier.

Wir gehen ein Stück weiter zu einem Platz, auf dem einige Skater unterwegs sind, sowie Jugendliche zusammensitzen. In der Mitte steht eine große Statue. Unser Guide erklärt, auf diesem Platz wurden zur Zeit der Spanier diejenigen Indigenen exekutiert, die sich nicht dem neuen katholischen Glauben beugen wollten. Gleich neben an steht die Kirche San Francisco, die älteste Kirche der Stadt, alles noch Original – natürlich auch die goldverzierte Innenfassade.

Die Statue ist ein Abbild von Santander, der Seite an Seite mit Simon Bolivar Kolumbien befreit hat. Während Bolivar gebürtiger Venezolaner ist, kam Santander direkt aus Kolumbien. Die Entscheidung, diese Länder zu befreien fiel nicht etwa aus Mitleid für die armen Unterdrückten, sondern eher, weil man irrsinnig hohe Steuern an Spanien zahlen musst und trotz hohem Stand immer noch von den hochnäsigen Europäern als minderwertig betrachtet wurde. So wurden Venezuela, Kolumbien, Ecuador und Panama von den Spaniern befreit und zu „Gran-Colombia“ (Großkolumbien). Auch Peru gehörte zu Bolivars Befreiungsaktion, aber – wie wir ja schon wissen – entschied sich Peru dazu, San Martín als seinen Helden zu feiern und kein Teil von Gran Colombia zu werden.

Unser Guide erklärt, dass die „Entdeckung Südamerikas“ schlichtweg ein falscher Begriff ist. Südamerika wurde nicht entdeckt, es war schon immer da. Korrekt ist „die Invasion Südamerikas“ und damit hat er natürlich völlig recht.

Kolumbiens Flagge besteht aus drei Farben: der große obere gelbe Balken steht für das Gold, der blaue darunter für die beiden Ozeane, das rot für das Blut, das von den Spaniern und während der Unabhängigkeitsbewegung vergossen wurde.

Wir gehen weiter in die Innenstadt an eine belebte Kreuzung. Dort erzählt uns der Guide etwas von der kürzlichen Geschichte. Im Jahr 1948 wurde zum ersten Mal ein sozial-liberaler Präsidentschaftskandidat gewählt: Jorge Eliécer Gaitán. Sein Wahlspruch war: Vom Volk – für’s Volk (mehr oder weniger). Kurz vor der Wahl wurde der Mann hier an dieser Kreuzung am hellichten Tag erschossen… und die Stadt versinkt im Chaos. Die Menschen gehen auf die Straße, es kommt zu Gewaltausbrüchen, Vandalismus und großen Unruhen überall in der Stadt. Unser Guide zeigt auf die umliegenden Gebäude… alle relativ neu, oder? Das liegt daran, dass in diesen vier Tagen der Unruhen die halbe Innenstadt niedergebrannt wurde. Das war der Ursprung für die Guerrilla-bewegung, die bis heute in Kolumbien aktiv sind.

Wir laufen weiter zu einem ruhigeren Platz, dem Plaza bzw. der Universität Rosario, der ältesten Universität Kolumbiens, eine der ältesten in ganz Südamerika. Hier ist heute wenig los, aber normalerweise ist hier ein großer Markt für Handwerkskunst. Unter anderem sieht man hier eine Gruppe Männer in schwarzer Kleidung herum stehen. Die machen nicht viel, verhalten sich unauffällig… haben aber eine bestimmte Zielgruppe: Schatzjäger. Denn diese Männer verkaufen Smaragde. Der Smaragd ist der Nationalstein Kolumbiens, einer der vier wertvollsten Edelsteine der Welt… und hier natürlich besonders schön. Unser Guide zeigt uns ein berühmtes Bild von Angelina Jolie, die sich hier ihren Smaragd gekauft hat. Der kolumbianische Smaragd ist klarer und dunkelgrüner als anderswo auf der Welt… und diese Männer haben die beste Preise. Man geht auf sie zu, kommt in ein unverfängliches Gespräch und bekommt dann die verschiedenen Steine präsentiert. Aber Vorsicht! Nur erfahrene Schmuckkenner sollten sich auf diesen Handel einlassen, weil diese Typen einem auch schnell eine Fälschung unterjubeln können.

Natürlich wäre es großartig hier einen Smaragd zu erwerben… aber ich bin Backpackerin mit einem angeknacksten Budget, ich muss nicht anfangen mir hier einen der teuersten Steine der Welt zu kaufen, auch wenn er hier sicher deutlich günstiger ist als anderswo.

Wir laufen zum großen Markt, dort haben wir Zeit uns umzuschauen, uns einen Saft zu kaufen oder ähnliches. Ich hole mir kolumbianische Schokolade, jetzt kenne ich mich ja ein bisschen aus. Danach gehen wir in den Stadtteil „El Candelaria“, der einzige Stadtteil, wo man noch den kolonialen Stil findet, der die Unruhen 1948 überlebt hat. Außerdem ist das Bar- und Künstlerviertel der Stadt. Hier findet man einheimische Getränke, Zirkus, Stand-up-Comedy, Handwerkskunst, Musiker, Kulinarik und natürlich wieder ganz viel tolles Graffiti. Wir laufen die schmale, aber dicht bevölkerte Straße nach oben, die im 16. Jahrhundert gebaut wurde.

Wir spazieren weiter durch die Stadt, kommen am Fernando Botero-Museum vorbei, einem der berühmtesten kolumbianischen Künstler. Das ist der, der alles ganz fett darstellt. Er hat hier seine eigenen Werke, aber vor allem Teile seiner privaten Kunstkollektion ausgestellt… gratis für alle. Eine beeindruckende Sammlung. Ich nehme mir vor, bei meinem zweiten Tag in Bogotá noch vorbeizuschauen.

In der Straße 10 werden die Gebäude herrschaftlicher, teurer. Früher hat der Adel her gelebt, heute sind es die Reichen und die Regierung. Auch die Residenz von Simon Bolivar und Santander sind hier, sowie das Teatro Colón. Das ist das zweiberühmteste Gebäude Kolumbiens. Das berühmteste ist eine unterirdische Salzkathedrahle, die ich mir ebenfalls für meinen zweiten Tag in Bogotá vornehme.

Am Plaza Bolivar sind die wichtigsten Regierungsgebäude: Der oberste Gerichtshof, die Stadthalle, der Präsidentenpalast und die Kirche… klar. Hier kommt es 1985 zu einem Terroranschlag, der die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzt. Die terroristische Organisation M-19 nimmt den Gerichtshof ein, sowie alle 11 Richter als Geisel. Der Präsident lässt sich nicht auf die Verhandlungen ein und ruft die Nationalgarde mit Panzern auf den Platz. Das komplette Gebäude wird zerstört und es gibt zahlreiche Tote, unter denen auch die 11 Richter. Deshalb ist das Gebäude heute komplett neu.

Die offizielle Theorie ist ein Putsch gegen die Regierung – inoffiziell steckt Pablo Escobar dahinter. Seit den frühen 80ern führte der Drogenhändler einen Krieg gegen die kolumbianische Regierung, die ihm ins Geschäft fährt. Dieser Angriff ist nur ein Teil von dem, was er verbrochen hat. Die Organisation M-19 bestand aus fünf führend Mitgliedern: Zwei sind tot, einer ist im Gefängnis, den vierten hab ich vergessen und der fünfte… ist der amtierende Präsident Kolumbiens.

Die Tour endet im Garcia-Komplex, dort gibt es auch eine große Buchhandlung. Gabriel Garcia Marquez ist ebenfalls einer der größten Künstler, die das Land hervorgebracht hat, diesmal im Literatur-Bereich. Sein Buch „100 anos de soledad (100 Jahre Einsamkeit)“ wurde mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Damit ist die Tour beendet. War echt spannend!

Gleich nach der Tour mache ich mich auf zum Monserrat-Berg, der soll nur eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt sein. Ist zwar viel, aber dafür ganz nett:

Ich gehe schnell und komme am Ende doch gut ins Schnaufen, weil es nochmal bergauf geht. Aber ich kann tatsächlich noch ein Ticket kaufen und fahre kurz darauf in der Seilbahn nach oben.

Die Sicht von oben ist echt toll… aber kurz… denn leider verdeckt eine dicke Wolke die Hälfte der Stadt. Aber auch mit der Wolke sieht es ganz cool aus.

Auch die Kirche  ist wirklich schön, sowie die Parkanlage, auf der man ein bisschen spazieren kann.

Auf dem nächsten Berg ist mal wieder eine Christusstatue, die ich mir spare. Bald darauf verdeckt die Wolke die Sicht vollständig und es geht auch auf die letzte Bahn zu, also stelle ich mich in die Schlange, um wieder nach unten zu fahren. Dann laufe ich zurück in die Altstadt, esse noch etwas und fahre dann zurück ins Hostel. Dort schreibe ich noch ein bisschen, um mir die Zeit bis zur Abfahrt meines Buses zu vertreiben, fahre dann ins Terminal und verlasse Bogota auf dem Weg nach Südwesten.

Liebste Grüße,

Eure Jana

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