Hallo meine Lieblingsleser*innen,
was macht ihr so an einem Neujahrsabend? Ich gebe zu, ich habe die meisten Silvester meines Lebens verschlafen und mich nicht weiter drum geschert. Oft war ich auf einem Geburtstag eine sehr guten Freundin, die das Glück hat am 1.01. geboren worden zu sein und jedes Jahr ein Feuerwerk zu bekommen. Liebe Grüße an dieser Stelle, war jedes Mal richtig schön! Hier und da mal bei anderen Freunden, einmal hab ich gekellnert (NIE WIEDER!), ansonsten erinnere ich mich nicht wirklich.
Letztes Jahr in Rio war es natürlich ein absolutes Highlight und ein großartiger Startschuss für meine Weltreise. Es war überhaupt nicht mein Ziel, das zu toppen. Vor allem, weil das ganze Thema „nachts unterwegs sein“ in Südafrika einfach problematisch ist. Vor allem für Frauen, vor allem alleine. Deshalb habe ich ein bisschen im Hostel herumgefragt, bei Leuten, mit denen ich schon in Kontakt gekommen bin, aber ohne großen Erfolg. In der Stadt feiern wollte ich nicht, die meisten anderen blieben auch hier vor Ort.
Aber ich hatte eine Idee, etwas, was ich gerne machen würde. Die schönsten Silvesterabende als Kind waren die, als ich mit meinen Eltern auf einen kleinen Berg bei uns in der Nähe gewandert bin, nachts bei Eis und Schnee mit Fackel und Stirnlampe. Oben auf dem Berg steht eine alte Burgruine, wo vor Mitternacht ein kleiner Gottesdienst stattfand, bevor alle auf die Aussichtsplattform gehen und zu Mitternacht das Feuerwerk im ganzen Umland von oben aus beobachten.
Ihr ahnt es schon…
Tatsächlich hatte ich mit dem Rezeptionisten in unserem Hostel gesprochen, der meinte, er würde sich vielleicht am Signal Hill, ein Hügel direkt unter dem Lions Head, mit Freunden treffen. Ich könnte mit, wenn ich wollte. Ich meinte, ich würde ihm nachher Bescheid geben… nur war er nachher verschwunden. Also auch keine Option mehr. In mir kocht es hin und her… gehe ich das Wagnis ein, alleine zu gehen oder soll ich einfach hier bleiben?
Natürlich würde ich diesen Artikel nicht schreiben, wenn mein Abenteurerherz nicht die Oberhand gewonnen hätte. Es ist 22:00 Uhr und ich gehe los!
Beziehungsweise fahre ich los. Ein Uber bringt mich zu demselben Ort, von dem aus ich heute morgen auf den Lions Head gestartet bin. Ich hatte den Platz gewählt, weil ich mich dort schon auskenne und der Weg bis zum Signal Hill nicht allzu weit war. Den Rest wollte ich zu Fuß über einen kleinen Wanderpfad gehen.
Während ich im Auto sitze, schlägt mir das Herz bis zum Hals und ich bin mehrfach drauf und dran, den Fahrer zu bitten, umzukehren. Was hab ich mir denn dabei gedacht, alleine hier loszuziehen? Ich dachte, ich wäre reisemüde, nicht lebensmüde. Und Leute ganz ehrlich: Auch wenn die Geschichte jetzt cool wird, das kann ich euch schon verraten: Macht mir das BITTE NICHT NACH! Es war soo verantwortungslos und ich hätte richtig Pech haben können. Es gibt nämlich genug Geschichten von Überfällen, die tödlich für Touristen enden, auch auf Wanderwegen und bei helllichtem Tage. Das alles habe ich vor Augen, als ich wenig später bei Dunkelheit alleine dreißig Minuten die Straße zum Signal Hill mit einem Puls von 350000 entlanglaufe und bei jedem Autolicht, das an mir vorbeifährt, zusammenzucke. Hundert Mal schelte ich mich eine Riesenidiotin.
Aber meine Logik ging auf: Heute Abend sind die meisten damit beschäftigt, einen besonderen Abend zu verbringen… oder die Touristen in der Stadt zu beklauen. Am Signal Hill selbst ist einiges los und die Autos, die an mir vorbeifahren, sind selbst Leute wie ich, die das Feuerwerk von oben sehen wollen. Es geht alles gut und ich komme sicher auf dem kleinen Ausläuferhügel an, von dem aus man einen fantastischen Blick über das Lichtermeer der Stadt hat.
Jetzt geht es daran, sich einen guten Platz zu suchen. Die Straße vorne ist vollgeparkt mit Autos, überall dringt Musik hervor, Leute tanzen, lachen, feiern die letzten Stunden dieses Jahres. Ich beschließe, auf den Grashügel zu klettern, dort ist es etwas ruhiger. Natürlich sichere ich ständig meine Umgebung, ob irgendjemand in der Nähe ist, es ist alles relativ gut ausgeleuchtet. Die Natur hat mir (und allen anderen in dieser Nacht) noch ein besonderes Geschenk gemacht: Ein großer runder Vollmond, der alles in silbernes Licht taucht. Ich setze mich neben einen Busch, der mich ein wenig verdeckt und vor allem einen guten Windschutz bietet… es ist nämlich echt kalt und zugig hier und ich muss noch über eine Stunde warten, weil ich so früh losgegangen bin. Also drücke ich meinen Rucksack an mich, lege mir meine Sitzdecke über die Beine und kauere mich zusammen, während ich über die Lichter der Stadt schaue.
Je näher es zu Mitternacht geht, desto mehr Leute kommen auf den Hügel. Darunter auch (wie sollte es anders sein) ein paar Deutsche. Eine Mutter mit ihrer Teenager-Tochter kommen geradlinig auf mich zu und wollen die Schutzfunktion des Busches ebenso ausnutzen. Die Tochter sagt „Mama, da sitzt schon jemand!“ und die Mutter antwortet ziemlich rabiat „Na und, ist mir doch egal, da ist schon genug Platz“ Ich zucke mit den Schultern und antworte auch auf Deutsch „Ist es wirklich, kommt ruhig her“. Die zwei sind kurz überrascht, lachen dann aber nett und schon sind wir zu dritt und ich entspanne mich endgültig. Wir erzählen uns gegenseitig unsere Geschichten, ich erinnere mich aber nicht mehr an ihre Namen. Die Tochter hat wohl ein paar Monate hier gelebt (Austausch/Schule/Studium oder so), die Mutter besucht sie gerade.
Kurz vor Mitternacht, stehen wir auf, um den optimalen Blick zu haben, zählen den Countdown mit runter und sehen zu, wie das Feuerwerk beginnt.
Die Welt verschwindet kurz um mich herum, während ich erst das Feuerwerk und dann in den Sternenhimmel über Kapstadt schaue. „Happy New Year, kleine Weltreisende“, denke ich mir ganz für mich selbst und bin mir selber ganz nah. Was für ein Geschenk dieses letzte Jahr war, dieser Abend jetzt ist. Wie schön das dieses Leben, dieser Moment… meines ist.
Dann kehre ich in die Welt zurück und wünsche auch meinen unverhofften Begleiterinnen ein glückliches neues Jahr. Wir schauen gemeinsam auf das Feuerwerk, das unten in der Bucht farbenfroh leuchtet und hören der feiernden Stadt zu. Dann klettern wir zusammen den Hügel hinunter und gesellen uns kurz zu den Leuten auf der Straße, die ebenfalls laut das neue Jahr feiern. Ich verabschiede mich jedoch bald, ich will nicht allzu lang bleiben.
Der Versuch, einen Uber hier oben zu bekommen scheitert mehrfach. Wie es zu erwarten war. Und auch wenn es genauso verantwortungslos ist, wie der Hinweg… aber ich will auch wieder zu Fuß zurück. Irgendwie bin ich jetzt deutlich ruhiger und habe einfach das Gefühl, dass mir nichts passieren wird. Mein Glück, dass dem auch nicht so war.
Auf dem Rückweg entdecke ich den kleinen Wanderweg, den ich auf dem Hinweg verzweifelt gesucht hatte, aber letztendlich bin ich doch auf der Straße geblieben. Jetzt sehe ich den Weg deutlich vor mir im Mondlicht und ich gehe still und heimlich los. Schon nach ein paar Schritten schalte ich meine Taschenlampe aus. Der Vollmond ist so hell, dass ich den Weg deutlich vor mir sehr und auch die Umgebung gut erkennen kann. Ich wandere vor mich hin, in einer magischen Stille unter den funkelnden Sternen. Direkt vor mir thront der Löwenkopf, links von mir hängen die Wolken im Tafelberg unter mir liegt das Lichtermeer von Kapstadt. Es ist warm und windstill. Es ist besser als alles, was ich mir für diese Nacht hätte erträumen können. Ich lasse mir ewig Zeit und sauge diesen Nachtspaziergang in mich auf. Ich sehe auch jetzt noch alles deutlich vor mir, weil es einer meiner besten Reisemomente ist… und den Silvesterabend von Rio tatsächlich in den Schatten stellt.



Sorry, schlechte Kamera.
Am Ende meines Weges, auf dem ich übrigens meinen ersten Skorpion sehe, in dem ich fast auf ihn getreten wäre (mit meinen Wanderstiefeln eher problematisch für das Vieh), werde ich nochmal vorsichtiger.
Vor mir brennt ein Feuer in den Bäumen und Büschen. Ich kann mit genau sicherem Abstand dran vorbeigehen und bin dann wieder am Parkplatz vom Lions Head. Dort sind auch schon Sicherheitskräfte, die den Weg abriegeln. Ich spreche einen von ihnen an, ob die Feuerwehr schon informiert ist, der nickt bestätigend. Kurz sieht er mich schief an, wo ich denn jetzt herkomme und ich erkläre ihm, dass ich am Signal Hill war. Im Nachhinein hatte ich wahrscheinlich Glück (und auch wieder die „richtige Hautfarbe“), dass er mich nicht damit in Verbindung mit dem Brand gebracht hat. Er wünscht ein frohes neues Jahr und ich gehe meiner Wege.

Kurz darauf habe ich einen Uber bekommen und kurz darauf sitze ich sicher im Auto und bin auf dem Weg zurück ins Hostel. Ich sehe, wie sich vom Tafelberg eine glitzernde Schlange von Autolichtern die Bergstraße hinunterschlängelt. Das muss auch schön gewesen sein, aber ich fand meinen Aussichtspunkt deutlich besser!
Um halb zwei liege ich im Bett… ungläubig, wie verdammt viel Glück ich hatte und was für ein wunderschönes Erlebnis das war. Aber vor allem Glück!
Hiermit bedanke ich mich offiziell bei der Armee von Schutzengeln, die ihr mir alle mit auf den Weg geschickt habt. Die hatten mit mir echt viel Arbeit!
Liebste Grüße,
Eure Jana
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